Umgehung…

4 Monate ist es her, dass mein Vater starb. Er war groß, kräftig mit einem überraschenden Sinn für schöne Kleinigkeiten. Pflanzen, Blumen… kleine Steine die er sammelte und die ich nun alle bei mir hab. Sogar ein Stück Berliner Mauer ist dabei… an der ich selbst mit grade mal 3 oder 4 Jahren stand.

Das Verhältnis zu meinem Vater war nie wirklich eng. Ich durfte ihn besuchen, wann ich wollte, er durfte mich sehen wann er wollte. Ich war gern bei ihm, egal was wir unternommen haben, und auch wenn wir das ganze Wochenende nur daheim waren. Es gab eine Kiste bei ihm, nur für mich, voll mit meinen Spielsachen und, am wichtigsten, meinen Buntstiften. Wenn ich irgendwo was malen konnte, war ich glücklich.

Ich hatte immer Angst davor, dass mein Vater irgendwann stirbt und wir nie einmal offen miteinander gesprochen haben. Ich hatte Fragen… ich wollte wissen, was er von mir hält, wie es für ihn war, als es mich plötzlich gab. Ungeplant, ungewollt… und was er später über mich dachte. Ich wollte wissen… und hab mich nie getraut zu fragen. Und dann erhalte ich 4 Wochen nach Emma den Anruf… 4 Wochen. Davor war ich 6 Jahre in Österreich, in der Zeit haben wir uns vielleicht grob 10 mal gesehen. Zuletzt bei Emma’s Beerdigung. Meine letzte Nachricht an ihn… „wir können ja für nächste Woche was ausmachen“… einen Tag vor seinem Tod. 

In der Zwischenzeit stand ich oft an seinem Grab, dort liegen meine Urgroßeltern, Großeltern, zwei Onkel,… und jetzt auch Papa. Ich stand davor mit der Frage, ob er zufrieden war mit mir… stolz auf mich… und weiß doch, ich bekomm darauf keine Antwort mehr. Nach Emma meinte er, ich sollte evtl. auf Kur gehen, etwas für mich tun.

Nach wie vor hab ich seine Nummer gespeichert… ich würde so gern anrufen, auch wenn mir völlig bewusst ist, wie sinnlos dass wäre. Ich habe die Chance verpasst.

Gerade lese ich „seine“ Bücher, die Highlander Saga von Diana Gabaldon. Niemals hätte ich so einen Romantiker in ihm vermutet. Aber dadurch, dass ich diese Bücher lese, deren Geschichte nebenbei einfach wirklich wunderschön, spannend, blutig aber eben auch unglaublich romantisch ist, fühle ich mich ihm ein bisschen nah. Er hatte diese Bücher in der Hand, er hat sie gelesen. Vielleicht hat er auch an denselben Stellen gelacht oder war an anderer Stelle traurig wie ich.

Nach diesen langen Monaten wird mir jetzt bewusst, wie allein ich mich fühle. Tag für Tag bin ich allein. Mein Mann geht arbeiten… ich bringe den Tag irgendwie rum, lesen, mit unserem Hund gehen. Seit 4 Wochen geh ich dreimal die Woche ins Fitness… eher um beschäftigt zu sein…aber natürlich auch um etwas für mich zu tun. Die 6 Jahre Abwesenheit haben viele Kontakte im Sande verlaufen lassen. Leider.

Und mir wird auch klar, dass viele überfordert sind mit mir. Sie wissen nicht, wie oder was sie mit mir reden sollen. Glauben, sie dürften über so vieles nicht mit mir reden. Und bevor sie etwas falsches sagen, sagen sie lieber gar nichts.Wie es mir wirklich geht? Fragt ihr, um gefragt zu haben… wollte ihr eine ehrliche oder eine einfache Antwort?

Ich kann mit dieser Frage momentan nicht gut umgehen. Sie ist mir zu unpräzise. Besser wäre  z.B. Wie verbringst du deinen Tag, was hast du geplant, denkst du an Papa, Was tust du dir gutes, etc…!

Daher der Titel: „Umgehung“… die Leute wissen nicht wie sie mit mir umgehen sollen…deshalb um-gehen sie mich. Und ich will euch sagen: Das ist SCHEISSE!

6 Jahre durfte ich mir anhören, dass ich soweit weg wohne. Jetzt ist die Strecke zu den meisten Bekannten und Verwandten von 320 km auf 75 km gekürzt… da müsste sich doch was tun?

Keine Angst, ich bin nicht die Art Mensch, die einem sofort heulend am Telefon oder am Kaffeetisch zusammenbricht. Ich kann mich über ganz alltägliches unterhalten… das tut mir gut! Wenn ich denn die Chance dazu bekomme.

Ich fühle mich nutzlos, faul, ohne Plan. Wartend ob sich jemand meldet, ob mich jemand zum Kaffee einlädt, ob sich jemand einfach mit mir treffen will, ein paar Stunden miteinander verbringen. Ratschen, lachen, shoppen, irgendwas! Aber das passiert einfach nicht. Warum ich mich stattdessen nicht anbiete? Weil ich alle Zeit der Welt habe und mich ja sowieso nach den berufstätigen richte, daher kann ich nicht wissen, wann diese Zeit hätten. Und ich erwarte vielleicht zuviel, dass irgendwer in seiner freien Zeit mal an mich denkt und überlegt sich mit mir treffen zu wollen.

Es gibt eig. nur zwei ganz ganz schlimme Sätze, auf die ich empfindlich reagiere:

Der erste ist:

„Ihr seid ja noch jung, da kommt wieder eins!“ (Als wenn ein Auto kaputt ist und man kauft sich ein neues)

Und der zweite und weitaus schlimmere:

„Wer weiß, für was es gut war!“ (… dazu fällt mir eig. gar nichts ein…)

Und da ich nicht glaube, dass sowas aus meinem Freundes- oder Familienkreis kommen würde, steht einem Kaffeeklatsch doch nichts im Weg?

 

 

5 Kommentare zu “Umgehung…

  1. Jule sagt:

    Wieso gehst du nicht auf jemanden zu und fragst, ob er/sie Lust auf einen Kaffee hat? Auf einen Bummel durch die Stadt oder einen kleinen Shoppingtrip?

  2. Morrigan sagt:

    Hi, ich kann doch nicht mehr als sagen, dass ich Zeit habe. Alle anderen sind berufstätig. Ich kenne deren freie Zeiten nicht. Und daher kann ich von mir aus schlecht was ausmachen…

  3. Katrin S sagt:

    Nicht ganz leicht dich zu finden, wenn man alles verlegt hat..

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